1. - Zawod/Einleitung

1. Das Obersorbische ist die nach der Sprecherzahl (ca. 50000) größere der beiden sorbischen Schriftsprachen und nach dem in der Niederlausitz gesprochenen eng mit ihm verwandten Niedersorbischen (ca. 20000 Sprecher) die zweitkleinste slawische Schriftsprache. Ober- und Niedersorbisch bilden mit Tschechisch, Slowakisch, Polnisch, Kaschubisch und dem ausgestorbenen, im Hannoverschen Wendland gesprochenen Dravänopolabischen den westslawischen Zweig der slawischen Sprachen. Zu den slawischen Sprachen gehören ferner die ostslawischen (Russisch, Weißrussisch und Ukrainisch) und die südslawischen Sprachen (Bulgarisch, Makedonisch, Serbisch, Kroatisch und Slowenisch).

2. Im frühen Mittelalter reichte das slawische Siedlungsgebiet bis zur Elbe im Norden und bis zum Main im Süden. Belege für slawische Besiedlung sind z.B. Ortsnamen wie Rostock (slaw. roz-tok- ,Auseinanderfließen`) oder Gera (slaw. gora ,Berg`) sowie zeitgenössische Berichte. Noch im 16. Jh. beklagt z.B. Martin Luther aus Wittenberg, daß die dortigen wendischen Bauern ihn nicht verstünden. Im Laufe der Zeit drangen jedoch deutsche Siedler immer weiter nach Osten vor, und die slawische Bevölkerung wurde assimiliert, verlor ihre Sprache. Diese Entwicklung wurde durch den 30jährigen Krieg (1618--1648) beschleunigt. Ein Großteil der ansässigen Bevölkerung im Osten der heutigen Bundesrepublik kam in dieser Zeit um, und das entvölkerte Gebiet wurde vorwiegend durch nichtslavische, deutsche Siedler besetzt. Um 1800 starben im Hannoverschen Wendland um Lüchow-Danneberg die letzten Muttersprachler des Dravänopolabischen. Seit dieser Zeit sind Ober- und Niedersorben die einzigen Überreste der slawischen Urbevölkerung, die, obwohl seit ca. 1000 Jahren von Deutschen umgeben, ihre Sprache und Kultur bewahren konnten, wenngleich die Anzahl der Sprecher abgenommen hat.

3. Die erste urkundliche Erwähnung eines sorbischen Fürsten namens Derwan stammt aus der Chronik des Fredegar (zum Jahre 631). Die ältesten überlieferten sorbischen Wörter stammen aus der Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg (975--1018). Der älteste überlieferte sorbische Text ist der sogenannte Bürger Eyd wendisch aus der Mitte des 16. Jhs. Im Laufe des 17.--18. Jhs. entwickelten sich zwei obersorbische Schriftsprachen, eine evangelische und eine katholische. Diese zwei Schriftsprachen existierten bis zum Anfang dieses Jahrhunderts. (Die heutige Schriftsprache geht auf die Arbeit der Maæica Serbska zurück und entstand Mitte des letzten Jhs.) Im Laufe des 17.--18. Jhs. entstanden die ersten vollständigen Bibelübersetzungen und weitere, hauptsächlich kirchliche Literatur sowie einige Gebrauchstexte. Schöngeistige Literatur finden wir im Obersorbischen in größerem Umfange erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Die beiden wichtigsten Dichter sind Handrij Zejler (1804--1872) und Jakub Bart-Æi¹inski (1856--1909).

4. Das heutige Sprachgebiet des Obersorbischen und der Grenzdialekte zum Niedersorbischen liegt innerhalb des Vielecks Löbau -- Bautzen -- Bischofswerda -- Kamenz -- Hoyerswerda -- Senftenberg -- Spremberg -- Weißwasser -- Niesky. Allerdings spricht in den meisten Dörfern nur noch die ältere Generation sorbisch, und auch hier ist der Anteil der Leute mit aktiven Sorbischkenntnissen meist nur gering. Das sorbische Kerngebiet mit sorbischsprachiger Jugend bilden heute die katholischen Dörfer im Dreieck Kamenz -- Bautzen --Hoyerswerda mit den Zentren Crostwitz (sorb. Chrósæicy), Panschwitz-Kuckau (sorb. Panèicy-Kukow), Ralbitz (sorb. Ralbicy) und Radibor (sorb. Radwor). Verwaltungszentrum und Sitz vieler sorbischer Institutionen ist Bautzen (sorb. Budy¹in).

5. Das obersorbische Alphabet besteht aus den folgenden Buchstaben und Buchstabenkombinationen: a, b, c, æ, è, d, d¼, e, ì, f, g, h, ch, i, j, k, l, ³, m, n, ñ, o, ó, p, r, ø, s, ¹, t, u, w, y, z, ¾. Andere Buchstaben kommen nur in Fremdwörtern und Eigennamen vor.

6. Die Mitlaute (sorb. konsonanty).

b, d, f, g, j, l, m, n, r sind wie die entsprechenden deutschen Laute zu sprechen. c entspricht deutschem z (nur in Fremdwörtern als k zu sprechen).

è und æ werden wie tsch in Peitsche gesprochen.

ist stimmhaftes dsch wie in Dschungel, James.

h bezeichnet nie die Länge einer Silbe wie im Deutschen; es ist entweder als h zu sprechen (vor Selbstlauten), oder stumm (vor Mitlauten).

ch ist nach Mitlauten, i und e wie dt. ch in ich zu sprechen, sonst wie ch in ach. Am Wortanfang und nach Vorsilben wird es wie dt. k ausgesprochen.

k, p, t sind nicht behaucht wie im Deutschen, wo sie gewöhnlich wie k-h, p-h, t-h ausgesprochen werden, sondern so wie im Französischen, Italienischen oder einigen süddeutschen Dialekten (etwa im Bayrischen) zu sprechen.

ñ ist ein n mit leichtem j davor, etwa jn.

ø kommt nur nach p, t, k vor; nach p, k ist es immer wie dt. sch zu sprechen, nach t entweder wie dt. sch oder wie dt. ss (wird im Lehrbuch gekennzeichnet).

s ist immer stimmlos wie dt. ss oder ß in beißen, Masse.

w und ³ sind wie englisches w zu sprechen, also wie u in sauer.

z ist immer stimmhaft wie dt. s in reisen, lesen.

¾ ist das stimmhafte Gegenstück zu ¹ wie j, g in Journal, Jury, Rage.

7. Sämtliche Mitlaute mit den Zeichen \' · über dem Buchstaben sowie l, j werden als weich bezeichnet. Weich sind auch solche Mitlaute, nach denen ein i, ì oder j geschrieben wird. Das j bezeichnet in diesen Fällen lediglich die Weichheit des Mitlautes und ist nur flüchtig zu sprechen.

8. Als Zischlaute ( syèawki) bezeichnet man c, è, d¼, s, ¹, æ, z, ¾. Nach dem oben Gesagten kann man diese wiederum in weiche ( è, d¼, ¹, æ, ¾) und harte Zischlaute ( c, s, z) unterteilen.

9. Die Selbstlaute (sorb. wokale). Das Obersorbische besitzt 8 Vokale: a, e, i, o, u, y, ì, ó.

a ist wie deutsches a zu sprechen.

e ist meist offenes e wie in deutsch hemmen. Geschlossenes e wie in dt. See kommt nur vor weichen Zischlauten vor (s.o.) und wird in den Wortlisten durch einen Punkt unter dem Vokal als Lernhilfe bezeichnet.

i ist stets hell wie in Hieb, nie dunkel wie in Himmel.

o ist offen wie in offen.

u entspricht dem deutschen u, in erster Silbe einem langen u wie in Ruhe.

y ist dunkles, kurzes i wie in Himmel.

ì ist kurz, es liegt zwischen e und i, etwa wie in deutsch mir. Vor weichen Zischlauten (s.o.) wird es wie e in dt. See oder wie ej ausgesprochen.

ó ist kurz, liegt zwischen o und u, etwa wie deutsch Kurt.

10. Der Wortakzent liegt im Sorbischen zumeist auf der ersten Silbe. Ausnahmen werden im Lehrbuch durch Fettdruck der betonten Silbe gekennzeichnet.

11. Hauptwörter werden im Sorbischen grundsätzlich klein geschrieben. Großbuchstaben werden für Eigennamen und am Satzanfang verwendet.

12. Die folgenden Regeln zur Rechtschreibung möge sich der Lernende einprägen. Sie gelten nicht für Fremdwörter.

  • Nach k, h, ch und allen weichen Mitlauten steht nie y, sondern i.
  • Nach s, z, c steht nie i, sondern y.
  • Nach Mitlauten mit Akzentzeichen wird j nicht geschrieben.
  • sj, cj, zj werden zu ¹, è, ¾ (außer in Vorsilben).
  • Vor i, ì und gelegentlich vor e wechseln d, t mit d¼, æ.
  • Zwischen weichen Mitlauten wechselt a häufig mit e.

    Einführung Nächste Lektion Deutsch-sorbisches Wörterbuch Sorbisch-deutsches Wörterbuch Inhalt